„Geben Sie dem Leben seine Chance!“

Verlusterfahrungen ohne Perspektive auf ausgleichenden Zugewinn, ruinöse Krisensituationen in überfordernder Serie, tiefgreifende Enttäuschungen und Veränderungen im zwischenmenschlichen Bereich sowie in langjährigen Beziehungen – die Generation 50+ ist mit einem weiten Spektrum an intensiven Lebensäußerungen konfrontiert …

Das in „Uwes Welt“ behandelte Motiv von „Verlust und Wandlung“ führte zu der Erkenntnis, dass das Leben selbst dem ablehnendsten Menschen immer wieder seine zugewandte Hand reicht – und unabhängig von negativen Einflüssen sein bejahendes Angebot aufrecht hält.
Nun interessierte uns die Frage:
Was, wenn sich das Leben zu einer schmeichelnden Seite verlocken ließe?
Ändert sich etwas durch einen neuen Blick auf die eigene Welt?
Lässt sich zu eigenen Gunsten mit dem Leben „flirten“?

Zwölf Menschen wagten die Probe auf’s Exemple und entwickelten im Herbst 2021 über theatrale Improvisationstechniken eigene differenzierte Charaktere, loteten deren Potential in vielfältigen spielpraktischen Begegnungen aus und gaben ihnen im dramaturgisch verdichteten Zusammenbau ausgewählter Szenen den finalen Schliff durch eine lebendige realistische Verkörperung.

„Flirtkurs 50+“
Diesen bietet in unserer entstandenen Geschichte Nico an, ein verkrachter BWL-Student, der zur Aufbesserung seines Lebenslaufs ein Startup-Unternehmen in Sachen Lebenshilfe gegründet hat. Mit seiner Klientel, der Generation 50+, hat er dank seiner smarten Art leichtes Spiel – denkt er – und seine beiden engagierten WG-Mitbewohnerinnen brennen sowieso für ihn … oder jedenfalls für ihren Job als von ihm engagierte Flirt-Coaches.
Neun Menschen jenseits der Fünfzig entschließen sich zur Teilnahme in der Hoffnung, ihrem Leben eine neue Richtung geben zu können.

Lässt sich den Tücken des Lebens so einfach begegnen? –
Was braucht man dafür?

Gewiss nicht Nicos Flirtkurs! Aber die Begegnung setzt ungeahnte Kräfte in Gang …

„Flirtkurs 50+“ ist die erste Live-Aufführung eines Projektstücks seit drei Jahren. Pandemie-Entwicklung und Weltgeschehen ließen den Projekt-Prozess zu einem alle Kräfte fordernden, ganz realen „Flirt mit dem Leben“ werden. Nicht erzwingen zu wollen, sondern präsent und geschmeidig mit den Umständen umzugehen wurde zur zentralen Aufgabe.
Unverbrüchliche Fokussierung auf das Wesentliche, Pflege der eigenen Spiellust innerhalb massiv-widriger Umstände in Wahrnehmung des gegenwärtig Vorhandenen, eine stets positive und optimistische Bewertung der eigenen Zielrichtung – intensiver hätte ein Flirtkurs-Training nicht wirken können.


Und das Leben zeigte sich uns – rückwirkend betrachtet – über alle Maßen gewogen:
alle Spielenden gerieten gesund in die Endproben,
das Theaterhaus durfte öffnen,
alle angelegten Handlungsstränge gelangten auch jetzt zu einem runden Ganzen.

Die Rollen und ihre Spieler/innen:
Nico Seidel, ehemaliger BWL-Student – Felix Weidmann
Julia Lieblich, Literatur-Studentin – Natalija Mihailovic
Eva Bunt, Studentin der Kunsttherapie – Katharina Keite
Elenora von Wertheim, Besitzerin eines Immobilien-Imperiums – Tanja Landschoof
Charlotte Diekhoff, Museumspädagogin – Anja Faust
Kathrin Radke, Sozialpädagogin, Leiterin eines Altenheims – Barbara Ehlers
Klaus Dembinski, Versicherungs-Bürokaufmann – Lars Traben
Mieke Meyer, Requisiteurin im Fernsehstudio – Doris Mehnert
Laetitia von Bülow, selbständige Reiseleiterin – Bettina Stolzenburg
Jörg Kutzke, Lastwagenfahrer – Dimitri Korowin
Valerie Sommer, Industrial-Design/Firmenteilhaberin – Gabi Schneider
Rolf Hinteregger, Finanzbeamter (gehobener Dienst) – Florian Faust

Photos der Generalprobe: Eva Maria Steinberg

Projektleitung, Dramaturgie: Christine Steinberg


Im Frühsommer 2021 fand ein erster Online-Kurs im Projekttheater statt.
Sehen Sie hier die digital verfasste Einladung zum darauf folgenden Projekt, dem „Flirtkurs 50+“.

Zu einem ungewöhnlichen, nämlich erstmalig generationenverbindenden Projekt der Schulgemeinschaft des Corvey-Gymnasiums, Hamburg, fanden sich Anfang des Jahres 2018 Eltern aller Jahrgänge und Schülerinnen der 7. Klassen sowie des 11. Jahrgangs zusammen und erspielten in individuellem Zugang ihre eigene Inszenierung der „Hexenjagd“ nach Arthur Miller. Als Spielform wählten wir dabei die Wirklichkeitsnähe und begaben uns damit auch atmosphärisch in das puritanische Salem/Neuengland von 1692:

Dort ist die Furcht vor dem Einfluss des Teufels ganz real. Als in der Gemeinde Mädchen in abstruse Zustände verfallen, sind die Eltern aufs Äußerste alarmiert: Satan hat seine vernichtende Hand im Spiel! Wer aber öffnete ihm die Pforten? Schnell übernehmen Denunzianten, Nutznießer der Schuldzuweisungen und unerbittlich Richtende die Lenkung des weiteren Fortgangs – mit verheerenden Folgen. Die „Hexenjagd“ beginnt …

Arthur Millers „Hexenjagd“ („The crucible“, 1953 in Reaktion auf die McCarthy-Ära als parabolisch zu lesendes Drama veröffentlicht) erlangte schnell Weltruhm, steht regelmäßig auf den Spielplänen der Stadttheater sowie Amateur-Ensembles und wurde mehrere Male verfilmt. Der Stoff ist darüber hinaus produktive Quelle medialer Weiterentwicklungen.

Wir selbst entschieden uns für eine psychologische Erarbeitung der Bühnenfiguren, deren Originalrepertoire wir um stimmige Erfindungen ergänzten. Die Sprechanteile entstanden durch spielpraktische Improvisationen, nachdem die figurentypischen Eigenschaften in persönlicher Rolleneinnahme angelegt worden waren. Erst in der letzten Projektphase widmeten wir uns dem übersetzten Originaltext, um unsere eigenen Dialoge zu verdichten. Die Ensemble-Figuren brachten wir weitgehend in ein Rollengleichgewicht, d.h. jede Figur trug in vergleichbaren Spielanteilen zum Verlauf der Handlung bei.

Hierbei beschäftigte uns maßgeblich die Frage, welche Mechanismen diese menschliche Tragödie auslösen, deren Eskalationsdynamik unaufhaltsam in die Ausrottung und Auslöschung führen. Wir fanden Antworten in der Auseinandersetzung mit der „dämonisierenden Sicht“ auf erfahrenes Leid, die die Welt und ihre Menschen in ein radikales Gut und Böse aufspaltet, im Gegensatz zur „tragischen Sicht“, die eine ganzheitliche Auffassung voraussetzt, in der Leid integrativer Bestandteil des Lebens ist. In ihrem Buch „Feindbilder. Psychologie der Dämonisierung“ stellen Haim Omer, Nahi Alon und Arist von Schlippe die Konsequenzen vor, die die jeweilige Sicht auf die eigene Lebensführung und das Wahrnehmen menschlichen Miteinanders hat. Es war für uns ein wertvoller Impulsgeber für die intensive Bearbeitung des Dramenstoffs.

Anders als wir hatten die Gemeindemitglieder in der Salemer Enklave von 1692 keine Wahl in ihrer Weltsicht und keine Hilfen im Aufspüren von Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Lebensumstände. Das Spiel im historischen Kontext ermöglichte uns eine Radikalisierung unserer Figurenauslegung – und damit eine äußerst differenzierte Projektarbeit in Auseinandersetzung eigener erlebbarer Situationen und aktuell wirksamer Konfrontationen.

Eine Einsicht in die Entstehung unserer Kostüme finden Sie hier.

Es spielten
Jens Harms (Pastor Abraham Parris), Nadja Hilfenhaus (Betty Parris), Luisa Helmer (Abigail Williams), Frank Tiedemann (Pastor Lucas Hale), Gabi Schneider (Marian Hale), Frank Mehnert (John Proctor), Henriette Witt (Mary Warren), Doris Mehnert (Elizabeth Proctor), Igor Baumgarten (Thomas Putnam), Katrin Lange (Rachel Putnam), Anna Kummerfeld (Ruth Putnam), Susanne Harms (Mary Jacobs), Sasha Lobisch (Hanna Jacobs), Tanja Landschoof (Martha Nurse), Antje von Stemm (Sarah Nurse), Bettina Stolzenburg (Rebecca Nurse), Helena Rademacher (Susanna Walcott), Barbara Ehlers (Alice Barrow), Amelie Hinrichsen (Ann Barrow), Sonja Kienzle (Ester Barrow), Franziska Biermann (Ivy Putnam), Dimitri Korowin (Richter Danforth)

Photographie: Peter Bruns (www.peterbrunsfoto.de)

Plakatgestaltung: Franziska Biermann

Projektleitung, Textbearbeitung, Kostümerstellung: Christine Steinberg