Tanztheater-Projekt mit 28 Zwölfjährigen

Ein Baumtagebuch sollte es werden, was die Biologie-Kollegin auf dem Elternabend als Langzeit-Beobachtungsauftrag zum neuen Thema in ihrem Fach vorstellte: Wie verändert sich der speziell ausgewählte Baum über zwölf Monate? Eine ausführlich angelegte Dokumentation stand in Aussicht.

„Nun bewegt sich so ein Baum ja nicht so übermäßig spannend … Aus welcher Perspektive soll das Tagebuch denn verfasst sein“, fragte da eine Mutter, „aus der Distanz oder in Einfühlung: ‚Ich, der Baum, Piet‘?“

In dem Moment kam mir die Anlage zur neuen Projektidee dieser Theaterklasse in den Sinn: keine literarischen oder überhaupt menschlichen Figurenvorstellungen sollten die Ensemblearbeit begründen, sondern personifizierte Bäume – und deren spezielle Eigenheiten im lebendigen Jahreswechsel sollten die Motive einer zu erfindenden Handlung  bilden!

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Auch die Sprache sollte sich wirkungsvoll von der bisher von den Kindern kennengelernten Theaterpraxis unterscheiden. So bauten wir alle szenischen Gestaltungsversuche ausschließlich auf Elementen des Tanz- und Bewegungstheaters auf und ließen die anregenden Klänge des Komponisten Réné Aubry sowie des Orchestra di Piazza Vittorio stimmungsreich und vieldeutig sprechen.

Erstere erzeugten die passende Atmosphäre zur Gestaltung der Jahreszeitenwechsel und ihrer bühnenwirksamen „Dramen“. Ihre spezifischen Stationen erfolgten durch Schattentheater-Szenen in der Projektion durch das Ensemble farbig-bemalter Folien und sie bildeten die Rahmenhandlung, deren Gesetzmäßigkeiten alle Charaktere immer wieder vereinigte. Die eigentliche dramatische Geschichte entwickelte sich als Kernstück unserer Handlung darüber hinaus durch Assoziationen und Bilder, die in den Kindern beim aufmerksamen Hören der sehr ungewöhnlichen Bearbeitung der „Zauberflöte“ ins Bewusstsein stiegen:

„Il flauto magico segundo“ des Künstlerkollektivs Orchestra di Piazza Vittorio interpretiert die weltberühmten Arien Mozarts auf ethnisch-musikalisch kunterbunte Weise neu und setzt Vertrautes und Fremdes in eine spannungsreiche Wechselwirkung, die hochproduktiv anregend für die Entstehung unserer Tanz-Theaterhandlung war.

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„Zwischen Baum und Borke“ erzählt die spannend bewegende Geschichte einer individuellen Baum-Ansammlung, die in den Gesetzmäßigkeiten ihrer Bestimmung große Themen wie die mutige Überwindungen existentieller Nöte, Feuer- und Wasserproben auf Leben und Tod und die Achterbahnfahrten großer Emotionen in Beziehungsbegegnungen durchleben.

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Projektleitung und Kostümerstellung: Christine Steinberg

Zu den Kostümen finden Sie Informationen unter „Atelier“, „Kostüme – Zwischen Baum und Borke (2016)“

Photographie: Peter Bruns (www.peterbrunsfoto.de)

„Antigone“ von Sophokles aus der Sicht Kreons

Im Februar 2019 fanden sich in Hamburg für den Zeitraum von acht Wochen zwölf Mütter und Väter sowie drei junge Erwachsene zusammen, um ein berühmtes Dramen-Thema, den Autoritätskonflikt der ,,Antigone“ von Sophokles, in völlig neuer Perspektive theatral zu entfalten, nämlich die Konfrontation und die in Gang kommende Entwicklung aus der Sicht der Elternfigur: Kreon.

So lehnt unser Projektstück einerseits an der antiken griechischen Tragödie an, vermittelt aber ein bislang noch nie gezeigtes Geschehen: die Innenwelt Kreons, die bei uns von elf Figuren verkörpert wird. Unterstützt wird diese psychologische Rollenaufstellung durch unser im Ensemble kreiertes Kostümkonzept, das mehrere Aspekte aufgreift (siehe „Atelier“, „Kostüme – Kreons Vermächtnis“):

Die Farben wurden aus der Skala von steinigem Beige über Brauntöne bis zu flammendem Ziegelrot gewählt und knüpfen an kraftvolles, archaisch anmutendes Erdreich an. Je nach königlichem Rang erscheinen goldene Accessoires und schlichte Goldbänder. Je nach Rolle herrscht eine Farbe bzw. Farb-Kombination vor: je standhafter, ,,erdiger“ die Rollenanlage,
umso dunkler ist das Kostüm. Je flüchtiger oder vergebens die vertretene Haltung ist, umso heller ist die Farbgebung. Je provokativer, desto röter. Dies korrespondiert mit der Qualität der Dichte: sie reicht von dicht gewebtem Stoff zu gazeartiger umflatternder Qualität.

Es spielten
Franziska Biermann (Unentschlossenheit), Barbara Ehlers (egozentrische Verzweiflung), Susanne Harms (kommentierende Vernunft), Tanja Landschoof (das ,,innere Kind“), Katrin Lange (Vermittlung zwischen den Generationen), Gabi Schneider (Wankelmut mit Hang zur Wut), Antje von Stemm (Intuition, ,,Fremdes“), Bettina Stolzenburg (Tradition, Staatsräson), Doris Mehnert (Einblick ins Schicksal), Igor Baumgarten (Tatkraft, Gehorsam), Jens Harms (Aggression), Frank Tiedemann (Kreon), Natalija Mihailovic (Antigone), Katharina Keite (Ismene), Kay Rummenie (Haimon)

Photographie: Eva Maria Steinberg

Filmaufnahme: John Mio Mehnert

Plakatgestaltung: Franziska Biermann

Projektleitung, Kostümerstellung, Textbearbeitung: Christine Steinberg